"Einer Übernahme sollte nichts im Weg stehen" 2017 im Zimmermannhaus Brugg

Wenn der Künstler Roman Sonderegger seine raumgreifenden Skulpturen plant, so beginnen seine Überlegungen oft mit einem Miniatur-Entwurf aus Graukarton. Gleich einem architektonischen Konzept erstellt er Modelle, aus denen später raumfüllende Installationen entstehen, die die bestehenden Wahrnehmungsstrukturen des Ausstellungsraumes umstrukturieren.

Während Sonderegger im vergangenen Jahr unter anderem den „Katzenzustand“ des Physikers Erwin Schrödinger in seiner Unbestimmtheit auslotete und riesige, an der Decke hängende Salzmoleküle installierte, so findet er in der aktuellen Ausstellung „Einer Übernahme sollte nichts im Weg stehen“ zurück zum Konkreten. Seine neuen mehrteiligen Arbeiten, die Installation „Moleküle erfinden“ sowie auch „Moleküle verbinden“ beschäftigen sich mit realen Raumkonstellationen und -verbindungen - im Großen wie auch im Kleinen. „Moleküle erfinden“ und „Moleküle verbinden“ suchen, was die Welt im Innersten zusammenhält und sie nehmen uns mit auf eine kurze Reise zwischen Wissenschaft und Kunst.

„Nun wird ein Molekül erfunden. Es folgt gewissen Regeln, ist sonst aber frei. Es wuchert hierhin, dorthin, schweift aus und krebst zurück. Es gibt keine richtige, logische Form, welche den Endpunkt bestimmt. Nimmt sich die Skulptur zurück, behauptet sie sich oder steht sie im Weg?“     Roman Sonderegger

Zwei wissenschaftliche Außenseiter entdeckten im Jahr 1953 per Zufall und Kombinationsgeschick die Struktur des DNA Doppel-Helix-Moleküls, welches sie der Öffentlichkeit als ein übergroßes Holz-Modell präsentierten. Auch Sonderegger tüftelt an neuen Molekülgefügen, die jedoch kein wissenschaftliches Pendant haben oder suchen. Seine Moleküle basieren auf Spiegelungen des Fußbodens und seiner hellen Fugenlinien, sie setzen neue Leerstellen und Ankerpunkte und skizzieren damit unbekannte räumliche Anordnungsmöglichkeiten. Das Molekül könnte eine direkte Übersetzung der Raumwahrnehmung sein und Sonderegger hebt durch die vergrößerte Installation im Raum die bekannte Wahrnehmung auf und überschreibt sie. Ein anderes Raumbewusstsein ist möglich.


„Im Gegensatz zur wuchernden Rauminstallation „Moleküle erfinden“ stehen die verdichteten Molekülverbindungen in einem Schaukasten. Alles weglassend, auf ein Minimum geschrumpft, symmetrisch um ein Zentrum angeordnet, stehen sie da. Kompakt – dies wird auch im Material sichtbar. Die sich ausbreitende Raumarbeit „Moleküle erfinden“ ist in Holz konstruiert - verschraubte Verbindungen, mit denen etwas erzählt wird. Dagegen die Miniatur-Archetypen, basierend auf den fünf platonischen Körpern, geschaffen aus schwerem Stahl, zur dichten Masse verschweisst oder gestapelt.“     Roman Sonderegger

Einen weiteren Bestandteil seiner Installation präsentiert Sonderegger mit Hilfe eines ebenfalls an der Wissenschaft angelehnten Schaukastens, in dem er seine Interpretation der platonischen Körper als Molekülverbindungen präsentiert. Bereits in der Antike waren Mathematiker, Universalgelehrte und Künstler fasziniert von der Regelmäßigkeit der auf den fünf Elementen Feuer, Luft, Erde, Wasser und Himmel basierenden Polyeder. Besonders ihr Ebenmaß dank regulärer Eckenanzahl, gleichmäßiger Flächenlänge sowie markant zusammenstoßender Ecken und Kanten, inspirierten sie zu ihrer wiederkehrenden Auseinandersetzung. Sonderegger verbindet die feinen Molekülstränge zu massiven Schnittstellen und präsentiert sie aneinandergereiht wie wissenschaftliche Fakten. Die ästhetische Anziehungskraft dieser Objekte spielt mit unserer Perspektive: von Mikro auf Makro und wieder zurück.

Text: Katja Langeland, Projektmacherin