"grösser / schwerer / härter" 2017 in der Arnold Galerie Aarau

Wie müsste sich eine Einführung anhören, die sich an der Optik von Roman Sondereggers stählernen oder aus Schaumstoff gebildeten Molekülen orientiert? Ohne diesen Gedanken strapazieren zu wollen, habe ich als Grundgerüst für meine kurze Einführung zwei Anekdoten und ein Zitat mitgebracht.

Beginnen wir mit dem Zitat: „Als dem Maler ein kleines Bild vortrefflich gelang, versammelten sich seine Wünsche und verlangten Besseres. Not und Elend stellten sich ein.“ Dieser Satz von Jos Nünlist bringt, wie ich finde, ein Dilemma des Künstlers sehr schön auf den Punkt. Als junger, ernsthaft seine Arbeit verfolgender Künstler sollte man sich das Zitat wenn nicht tätowieren lassen, so zumindest übers Bett hängen, als ein berechnend auf den Markt schielender dagegen schnell wieder vergessen. Womit wir schon beim nächsten Dilemma wären. Aber bleiben wir beim ersten: Wenn also eine Ausstellung mit „grösser, schwerer, härter“ wirbt, wäre also grösste Vorsicht geboten. Wäre, denn es handelt sich hier um eine Ausstellung von Roman Sonderegger. Schauen wir also genau hin, und beginnen wir mit der Einladungskarte.

Anekdote Nr. 1: Zufall oder Fügung wollte es, dass bei der Bestellung der Karte zu dieser Ausstellung ein Fehler unterlief. Sie hätte im bewährten A5 daherkommen sollen, wurde jedoch in A6 bestellt. So kommt es, dass die Karte zur Ausstellung ihr eigenes Modell geworden ist und sich selbst ironisch kommentiert. So sehr scheint dieser Zwischenfall zum Titel zu passen, dass man dahinter Absicht vermuten könnte. Wäre es nicht wahr, so wäre es gut erfunden.

Roman Sondereggers Arbeiten nehmen die Formensprache der vorhandenen Architektur auf oder wölben sich ihr entgegen, kommentieren ihre Umgebung, sind Antwort auf vorhandene Formen oder stellen diese spielerisch in Frage. Eine solche künstlerische Herangehensweise ist genuin raumspezifisch und lebt von der ihr eigenen Leichtigkeit. Sollte es jetzt aber nicht eben schwerer zugehen? Schwerer: das war doch der tonnenschwere Brocken, den Roman auf zwei starke Federn gestellt und so zu einer wippenden, bedrohlichen Schaukel umgebaut hat! Grösser waren doch viel eher die „Stadtmöbel“, die die BesucherInnen der Badenfahrt nicht nur bestaunen, sondern auch für kurze Zeit besitzen konnten. Alles, was Roman bisher für seine Installationen verwendet hat war doch härter als der Schaumstoff, der den unteren Raum in eine kunstvolle, umgestülpte Gummizelle verwandelt! Es geht in dieser Ausstellung also auch kleiner, leichter und weicher zu.

In Romans Arbeit geht Schwere mit Leichtigkeit einher. Wenn er beispielsweise mit Ziegelsteinen und Luftballonen einen sich auf Zeit selbst tragenden Bogen entwirft, ist die Spannung mit im Spiel und das Scheitern des Vorhabens darin bereits angelegt. Für die Auswahl 16 hat er unlängst im Innenhof des Aargauer Kunsthauses sechs Schaltafeln mit Schraubzwingen gegeneinander gespannt. Sie umschlossen einen unsichtbaren Innenraum, einen schwarzen Luftquader. Es bleibt unserer Imagination vorbehalten, zu diesem leichtesten und gleichzeitig schwersten Aspekt der Arbeit vorzudringen. Ohne die Arbeit Romans auf einen Dual reduzieren zu wollen: Wenn er eine Ausstellung einrichtet, dann sind Schraubzwingen, Spanngurte - hier auch Kabelbinder - nicht weit: sie stellen das eine unabdingbare Moment dar: das spannende und ziehende, das Form gebende. Ohne „pièce de résistance“ jedoch, ohne Rohmaterial als zweite Zutat bleibt der Zurrgurt spannungslos und greifen die Zwingen ins Leere. Immer ist dabei das Gleichgewicht der Kräfte ein labiles. Der Begriff der „potentiellen“ Energie drängt sich mir auf. Im Physikunterricht war er am Beispiel einer sich auf einem 1 m hohen Tisch befindlichen, 100 g schweren Tafel Schokolade erörtert worden. Ganz abgesehen davon, dass eine gute Tischhöhe etwas über 70 cm beträgt, bin ich mir sicher, dass ich mit dem Begriff der potentiellen Energie mehr anzufangen gewusst hätte, wenn als Beispiel eine von Romans Arbeiten gedient hätte. Denn die Spannung durchzieht sie wie ein roter Faden: Roman erstellt prekäre Gleichgewichte, die immerzu mit ihrer plötzlichen Implosion kokettieren. Immerhin drohen die weichen Exponate dieser Ausstellung nicht den Raum oder sich darin Aufhaltende zu beschädigen:

Schaumstoff ist ein nachgiebiges Material. Oder?

Und hier beginnt Anekdote Nr. 2: Roman selbst hat mir erzählt, wie ihm bei den Vorbereitungen zu dieser Ausstellung der „älteste aller Bildhauerfehler“ unterlief: nach der ersten grossen, kleinformatigen Versuchsreihe, die im Modell viel versprach, wurde Grösseres angestrebt. Wir erinnern uns an das Zitat: „Als dem Maler ein kleines Bild vortrefflich gelang…“ Er sei also zur Fabrik gefahren und habe den Lieferwagen bis oben hin mit grossen Schaumstoffblöcken gefüllt. Nur um im Atelier erfahren zu müssen, dass das süsse Versprechen des Modells sich im anderen Massstab mitnichten einlösen liess: Als zu gross erwies sich der Widerstand des Materials. So musste die ursprüngliche Idee verworfen werden. Aber nun stellten sich nicht etwa Not und Elend ein: Roman machte sich an die Arbeit und erklärte die Not zur Tugend. Wie gut die Neuorientierung gelungen ist, davon können Sie sich im unteren Raum selbst überzeugen. An den beiden Installationen lässt sich ein statischer Grundsatz ablesen: während die auf sie einwirkenden Kräfte der Zurrgurte auf die Randzonen einen im wahrsten Sinn des Wortes einschneidenden Einfluss üben, gleichen sie sich gegen die Mitte hin immer mehr aus. Die sichtbar gemachten Spannungsbögen erinnern mich entfernt an fettgedruckte chinesische Schriftzeichen. Mit diesen Majuskeln im unteren und dem kleinen Alphabet im oberen Stock, mit den grösseren und kleineren Elementen in Roman Sondereggers Molekularkücke, wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.

Einführung an der Vernissage von Lorenz Olivier Schmid, September 2017