Ikarus als Raumvermesser

Eine Klosterkirche wird zur Bühne zeitgenössischer Tanzkunst: In Königsfelden gehen Architektur, Choreographie, Kunst und Musik ungewohnte Verbindungen ein.

Als warnende Parabel auf die menschliche Hybris möchte Brigitta Luisa Merki, Gründerin und Künstlerische Leiterin von «tanz&kunst königsfelden» den Ikarus-Mythos nicht verstanden wissen. Vielmehr erzählt ihre neue Produktion vom ewigen Traum vom Fliegen, zu welchem der Sturz ebenso dazugehört wie der neuerliche Flügelschlag. Zu Darstellung gebracht wird dieser Zirkel aus Scheitern und Wiederaufstehen in der Klosterkirche Königsfelden in Windisch von einem international besetzten Tanzensemble, choreografiert von Merki und dem renommierten kanadischen Künstler Rob Kitsos.

Die Tänzerinnen und Tänzer sind nicht die einzigen Protagonisten des Abends mit dem sprechenden Titel «Ikarus, stirb oder flieg», der am Wochenende Premiere feierte. Zum ihnen gesellt sich als Partner der Kirchenraum aus dem 14. Jahrhundert, der mit seiner schieren Höhe der Thematik des Fliegens die Bühne bereitet. Ikarus und seine Fluggenossinnen und -genossen, die mit gegenseitiger Hilfe in die Lüfte streben und von der Schwerkraft wieder zu Boden gezogen werden, fungieren hier auch als Vermesser des historischen Sakralraums, machen Massstäblichkeit und Vertikalität seiner Architektur auf neue Weise sichtbar.

Für den Anteil der Kunst in den «tanz&kunst»-Projekten zeichnet alljährlich ein anderer Künstler verantwortlich. Für die diesjährige Produktion schuf der bekannte Aargauer Bildhauer Roman Sonderegger grosse fächerartige Holzskulpturen, die an die Anatomie von Flügeln oder an frühe Flugapparate erinnern. Sie hängen in luftiger Höhe oder scheinen aus dem Boden heraus zu wachsen, bieten Tänzern und Musikern Bühnen und Spielflächen. Während Kunstinstallation und Kirchenarchitektur in formale Reibung geraten, legt die eigens komponierte und von einem kleinen Ensemble dargebotene Musik von Christoph Huber einen sphärischen Teppich aus, der die verschiedenen Ingredienzen des interdisziplinären Abends miteinander verwebt. Erstaunlich sodann, wie sich aus schwebenden Tönen plötzlich spanische Gitarrenklänge herauszuschälen beginnen, der zeitgenössische Tanz sich zum Flamenco wandelt, plötzlich rhythmisiert wird und sich organisiert, um dann wieder in fliessende individuelle Bewegungen zurück zu fallen. Zirkuläre Bewegung und stetiger Wandel auch hier, als erzählte der Ikarus-Mythos auch von den immer neuen Versuchen, scheinbar Unvereinbares zusammen zu bringen.

Hochparterre vom 29. Mai 2019, Text: Marcel Bächtiger

       
Foto: Alex Spichale